Das Stück "Die göttliche Odette"
In „Die göttliche Odette“ werden anhand einer Liebesgeschichte zwischen einer christlichen Schülerin und einem muslimischen Schüler religiöse und kulturelle Unterschiede, aber auch bedrohliche Selbstrelativierungen aufgezeigt.
Der Deutsch- und Religionslehrer Herr Lanz versucht, seine Schüler für das Thema des christlich-muslimischen Dialoges durch die Aufführung eines Theaterstückes zu sensibilisieren. Seine Tochter Odette, die die weibliche Hauptrolle spielt, verliebt sich bei den Proben in Jamal, einen gläubigen Muslim. Jamal ist allerdings verlobt mit Odettes Freundin Gülay.
Die Situation stellt die Freundschaften zwischen den Schülern und die Selbstverständnisse der Beteiligten als Christen und Muslime auf eine harte Probe. Gerade Herr Lanz, Vater und Pädagoge, wird angesichts des einerseits unkomplizierten und entspannten, andererseits aber auch emotionaleren und bedingungsloseren Herangehens der jungen Menschen zu einer neuen Auseinandersetzung mit Vorurteilen gedrängt.
Die Beteiligten werden zum tieferen Kennenlernen des Anderen und des Eigenen aufgefordert. Die innere Auseinandersetzung wird unverzichtbar. Auch die Christen müssen sich dabei der für sie ungewohnten Situation stellen, auf Fragen nach Sinn und Charakter ihres Glaubens zu antworten. Hinzu kommt, dass diese Fragen nicht von Menschen gestellt werden, die sich dem Glauben abgewendet haben, sondern von Muslimen, also von anderen, ebenfalls religiös sensibilisierten Gläubigen
Eine nur postulierte Toleranz erweist sich ebenso wenig tragfähig wie eine Toleranz, die zur Beliebigkeit bis hin zur Selbstaufgabe mutiert. Dies zeigt sich in der Beziehung zwischen den beiden Jugendlichen ebenso wie zwischen den Eltern und Jugendlichen. Als Lösung bietet das Stück die Abkehr von einer idealistischen, lebensfremden oder selbst relativierenden Haltung. Die Hinwendung zum einzelnen Menschen tritt in den Vordergrund. Dies geht zum einen einher mit der genauen Wahrnehmung des Fremden und des Eigenen, zum anderen mit der Bereitschaft zum Lernen aus Erfahrungen und vor allem mit der Bereitschaft zum Neuanfang, um mit den Differenzen umzugehen.
Der Autor Rolf Kemnitzer, Jg. 1964, lebt als freier Autor in Berlin. Zahlreiche Engagements führten ihn als Regisseur und Schauspieler an Stadt- und Landestheater. Seine Theaterstücke werden an verschiedenen Bühnen Deutschlands gespielt. Zudem verfasste er Feature-Arbeiten für das Deutschlandradio, den SWR, WDR und Bayrischen Rundfunk. Für seine Theaterwerke und Journalbeiträge erhielt er verschiedene Auszeichnungen, unter anderem den RadioJournal-Rundfunkpreis 2005.

